„Ich möchte Pilotin werden“

Hundert Jahre nachdem die erste Frau allein geflogen war – 300 Meter weit –, porträtierte die Rheinische Post eine von uns: Julia Hoppe, 19, seit ihrem 14. Lebensjahr im Segelflugzeug, seit 2007 Jugendleiterin im LSV Grenzland. Und weil sie mit 50 Kilogramm die Mindestzuladung nicht erreicht, fliegt sie mit Bleikissen.

Rheinische Post

Zeitungsausschnitt: „Ich möchte Pilotin werden“
Rheinische Post vom 22. Oktober 2009: „Julia Hoppe (19) vor einer SB 5 … Weil die junge Brachterin so leicht ist, müssen Bleikissen den Ausgleich schaffen.“ (Foto: privat)

Vor 100 Jahren flog zum ersten Mal eine Frau allein: Die Französin Elise Roche schaffte gerade einmal 300 Meter. Julia Hoppe aus Brüggen ist schon viel weiter geflogen: Die 19-Jährige ist begeisterte Segelfliegerin.

VON BIRGITTA RONGE

BRÜGGEN Der ideale Flugtag sieht für Julia Hoppe so aus: „Ich fahre an einem sonnigen, thermikreichen Tag zum Flugplatz, räume gemeinsam mit meinen Fliegerkameraden die Halle aus. Und dann besprechen wir, wer sich um die Winde kümmert, wer die Starts aufschreibt und all das. Von da an heißt es: fliegen, fliegen, fliegen. Bis es Abend wird.“

Die 19-jährige Brachterin hat gerade ihr Abitur gebaut und ist derzeit als Au-Pair in Irland. Seit ihrem 14. Lebensjahr fliegt die junge Frau Segelflugzeuge. Wenn sie das Auslandsjahr hinter sich habe, sagt Hoppe, wolle sie auch Motorflugzeuge fliegen: „Dann werde ich eine Ausbildung als Pilotin und Verkehrsflugzeugführerin machen.“

Das Gegenteil bewiesen

Vor 100 Jahren noch galt es als ungehörige Sensation, dass Frauen ein Flugzeug führten. Physisch und psychisch seien sie gar nicht dazu in der Lage, hieß es damals. Doch die Pionierinnen der Luftfahrt bewiesen das Gegenteil: Am 22. Oktober 1909, gelang erstmals einer Frau der Alleinflug. Die Französin Elise Roche hob in einer Voisin-Doppeldecker ab und schaffte knapp 300 Meter. Ein Jahr später erwarb sie als erste Europäerin die Pilotenlizenz. Andere taten es ihr nach: Melli Beese erhielt als erste Deutsche 1911 die Flugzeugführerlizenz.

Eine Männerdomäne sei das Fliegen immer noch, sagt die Brachterin Julia Hoppe. Sie ist seit 2004 Mitglied im Luftsportverein (LSV) Grenzland, der vom Grefrather Flugplatz Niershorst aus startet. Seit 2007 ist Hoppe dort auch Jugendleiterin und kümmert sich um den Nachwuchs. „Derzeit sind etwa 26 Jugendliche im Verein, darunter zwei Mädchen. Wir haben auch zwei Fluglehrerinnen, und ich kenne auch Fliegerinnen von befreundeten Vereinen.“ Die Frauen würden von den Fliegerkameraden überall akzeptiert: „Die Jungs machen zwar Witze, weil ich mit einer Größe von 1,62 Meter und einem Gewicht von 50 Kilogramm die Mindestzuladung nicht erreiche und dann Bleikissen mitnehmen muss, aber das ist Spaß.“

Die Mitglieder des LSV Grenzland fliegen samstags, sonntags und an Feiertagen, Flugsaison ist von April bis November. Auch im Winter müssen die Maschinen gewartet werden. „Wann immer es möglich ist, bin ich auf dem Pla[tz]“, erzählt Hoppe, „der Flugplatz [ist] mein zweites Zuhause.“

An ihren ersten Alleinflug e[rin]nert sich die junge Frau noch [ge]nau: „Das war im Juli 2004, da [war] ich 14. Drei Runden bin ich ü[ber] den Platz geflogen, das hat gek[rib]belt im Bauch. Es war ein Gef[ühl] von purer Faszination und Ü[ber]wältigung.“ Die andere Sicht auf [die] Landschaft durch die veränd[erte] Perspektive sei etwas ganz Bes[on]deres, „man sieht die Welt von o[ben] mit anderen Augen.“ Ein Ziel [hat] sich die junge Frau schon geste[ckt]: „Ich möchte die Welt mit mein[em] eigenen Flugzeug erkunden.“

INFO – Nachwuchs fördern

Zehn bis elf Prozent der Mitglieder im Bereich Segel-, Motor- und Ultraleichtflug sind weiblich, berichtet Sue Kassmann, Frauenbeauftragte beim Landesverband des Deutschen Aero Clubs (DeAC) NRW. Gerade im Segelflug seien die Frauen „relativ stark“. Um Frauen für den Sport zu begeistern, hat der DeAC in diesem Jahr ein neues Mentorinnenprogramm aufgelegt: Erfahrene Fliegerinnen unterstützen den Nachwuchs.

Bildunterschrift im Original: Julia Hoppe (19) vor einer SB 5, einem Segelflugzeug, für das eine Mindestzuladung von 75 Kilogramm im Cockpit nötig ist. Weil die junge Brachterin so leicht ist, müssen Bleikissen (vorn im Bild) den Ausgleich schaffen. (FOTO: PRIVAT)


Was daraus geworden ist

Der Artikel ist von 2009 und liest sich, als hätte ihn jemand für unsere heutige Jugendarbeit geschrieben. 26 Jugendliche im Verein, davon zwei Mädchen – an dieser Stelle hat sich seither am meisten getan. Und das Detail mit den Bleikissen erklärt besser als jede Broschüre, was Segelfliegen praktisch bedeutet: Jedes Flugzeug hat eine Mindestzuladung, und wer sie nicht erreicht, gleicht sie aus. Bei uns fangen junge Leute weiterhin mit 14 im Segelflug an, und der Satz „der Flugplatz ist mein zweites Zuhause“ stimmt für viele bis heute.

Aus den Vereinen von damals ist der LSV Grenzland e. V. geworden, und auf dem Niershorst wird bis heute geflogen. Wer selbst einmal starten möchte, kann bei uns Fliegen lernen – meldet Euch einfach bei uns am Platz.

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